Die Baureihe 112 ist das in Ausstattung und Technik aufwendigste Modell unter den sogenannten Heckflossen von Mercedes-Benz.
Die offizielle Bezeichnung des Wagens lautete Mercedes-Benz 300 SE. Es gibt ihn in zwei Limousinen-Varianten sowie als Coupé und Cabriolet.
Alle 112er-Modelle basieren auf den praktisch gleichen Karosserien ihrer jeweiligen Gegenstücke der W 111-Baureihe und unterscheiden sich äußerlich nur durch eine umfangreichere Chromverzierung (breite Zierleiste in der Mittelsicke vom Scheinwerfer bis zur Rückleuchte, Radlaufchromleisten sowie eine breite Chromblende, die den gesamten Außenschweller verdeckt), außerdem bei den Limousinen durch eine deutlich höherwertige Innenausstattung (Echtholzrahmungen, edlere Stoffe in speziellen Dessins).
Limousine
Allgemeines
Vom 300 SE (Baumuster 112.014) wurden zwischen Februar 1961 und Juli 1965 5202 Fahrzeuge produziert. Nach einem Vorserienwagen im Dezember 1962 wurde ab März 1963 der 300 SE lang (Baumuster 112.015) in nur 1546 Exemplaren gebaut. Verglichen mit den Stückzahlen der anderen Heckflossenmodelle W 110 (gesamt 628.282 Stück) und W 111 (gesamt 338.003 Stück) waren die 112er-Heckflossen also schon zur Zeit ihrer Entstehung eher selten anzutreffen.
Die Limousine mit „kurzem“ Radstand hat markante, zusätzliche 300 SE-Schriftzüge an den C-Säulen-Blenden. Bei der Langversion jedoch befinden sich an dieser Stelle nur dezente, durchgehende Blenden – ohne die typische Chromsichel und ohne Schriftzüge – und daran lassen sich diese beiden 300 SE-Limousinen auf Anhieb auseinanderhalten.
Ein besonderer Unterschied zu allen anderen zuvor oder nachher gebauten Mercedes-Benz-Typen ist auf dem Kofferraumdeckel zu erkennen: Der 300 SE-Schriftzug wurde mit einer Chromumrahmung versehen und bildet gewissermaßen das „Sahnehäubchen“ der ohnehin nicht unumstrittenen Menge an Zierrat beim W 112. Dieses spezielle, gerahmte Emblem ziert alle W 112-Limousinen von 1961 bis 1965, doch schon bald danach war es nicht mehr als Ersatzteil lieferbar und wurde im Bedarfsfall durch den von Anfang an rahmenlosen 300 SE-Schriftzug der Coupés und Cabriolets ersetzt.
Der 300 SE war in der Zeit zwischen der Einstellung des „Adenauer“ 300ers (W 189) Anfang 1962 und dem Erscheinen des Mercedes-Benz 600 (W 100) Ende 1963 die edelste (und als 300 SE lang die größte) Limousine, die Mercedes-Benz seiner Kundschaft zu bieten hatte.
Langversion
Die Langversion entstand zu großen Teilen in Handarbeit: Eine 300 SE-Karosserie wurde vom Band genommen, auf Höhe des Fonds quer durchgeschnitten und durch Einsetzen von strukturierten Blechstreifen um 10 cm verlängert. Auch die Fondtürstrukturen wurden auf diese Weise gestreckt. Nur die Dachhaut und die Fondtürhäute wurden jeweils als lang-spezifische Blechteile in einem Stück gepresst. Dieses Verfahren war aufgrund der kleinen Stückzahlen wirtschaftlicher als das gesonderte Pressen von Lang-Karosserieteilen (Werkzeugkosten) und wurde auch bei BMW-E3-Limousinen der 1970er Jahre angewendet.
Es taucht beim 300 SE lang jedoch kein „L“ in der Typbezeichnung auf, weder auf dem Kofferraumdeckel noch in den Prospekten. Die Bezeichnung „300 SEL“ wurde erst beim Nachfolgemodell vom Typ W 109 eingeführt. Daher ist es falsch, einen langen Heckflossen-300 SE als „SEL“ zu bezeichnen.
Mit Erscheinen der Langversion im Frühjahr 1963 erhielten die 112er Limousinen schließlich sogar nochmals mehr Chromzierrat: Die Scheibenrahmen der Türen wurden konstruktiv abgeändert und mit breiten Chromrahmenblenden komplett abgedeckt – als weitere Maßnahme, eine optische Abgrenzung zur deutlich günstigeren 111er-Limousine zu schaffen, welche weiterhin mit den dünnen Chromstäben an den Fenstern gebaut wurde.
Coupé und Cabriolet
Coupé und Cabriolet der Baureihe W 112 entsprechen technisch den Limousinen, debütierten im Februar 1962, also ein Jahr nach der Limousine (und den 111er Coupés und Cabriolets), und blieben bis Dezember 1967 im Programm, mithin zwei Jahre länger als ihre viertürigen Schwestermodelle (aber 4 Jahre kürzer als die 111er Coupés und Cabriolets). Sie haben im Gegensatz zu den Limousinen keine modischen Heckflossen, eine niedrigere Dachlinie, und wirken dadurch insgesamt eleganter und zeitloser, was ihnen schon viel früher einen Klassikerstatus bescherte. Diese Zeitlosigkeit ermöglichte es auch, dass sie praktisch unverändert parallel zu den Nachfolgern der 112er-Limousinen, den S-Klassen der W 108/W 109-Reihen, gebaut werden konnten. Es entstanden dennoch nur insgesamt 2419 Coupés (Baumuster 112.021) und 708 Cabriolets (Baumuster 112.023).
Die Karosserieformen beider Modelle wurden in der W-111-Baureihe mit ab 1969 niedrigerer Kühlerfront („Flachkühler“ genannt, in Abgrenzung zum vorherigen Hochkühler) weiter produziert bis 1971, ein Nachfolgemodell auf Basis der vor der Premiere stehenden S-Klasse-Limousine W 116 wurde jedoch nicht aufgelegt. Stattdessen entwickelte Daimler-Benz ein Coupé auf Basis des ebenfalls zu dieser Zeit vorgestellten neuen SL-Roadsters (R 107), dessen Proportionen (stark verlängerter Radstand) umstritten sind. Es wurde als Sportcoupé vom Typ SLC der Baureihe C 107 präsentiert. Ein echtes S-Klasse-Coupé wurde erst wieder mit dem Nachfolger des C 107 gebaut, nämlich mit dem 1981 vorgestellten SEC (C 126). Ein S-Klasse-Cabriolet gab es allerdings erst wieder ab 2015 (A 217).
Technik und Antrieb
Alle W 112 sind serienmäßig mit speziellen technischen Besonderheiten ausgestattet. Sie machen den eigentlichen, prestigesichernden Unterschied zu den W 111-Modellen aus:
Sechszylindermotor mit mechanischer Saugrohreinspritzung und zunächst 160 PS (118 kW), ab Februar 1964 mit 170 PS (125 kW)
neuentwickeltes Daimler-Benz-Viergang-Automatikgetriebe Typ K4A 025 Ausführung: GA 300SE
neuentwickelte Luftfederung für konstantes Fahrzeugniveau in allen Belastungs-Situationen
Scheibenbremsen vorn und hinten
Servolenkung
Differentialsperre
Bremsniederhaltung an der Hinterachse. Verhindert das starke Ausfedern beim Bremsen und die damit verbundenen Sturzänderungen
Preise
Der Grundpreis 1963 für den 300 SE war 24.500 DM, beim 300 SE lang betrug er 27.800 DM. Je nach gewünschter Sonderausstattung konnte der Endpreis weit über 40.000 DM liegen. Zum Vergleich: ein VW-Käfer „Export“ kostete etwa 5400 DM, und ein Angestellter verdiente etwa 800 DM im Monat. Bemerkenswert ist an dieser Stelle zudem, dass der günstigste W 111 (220 b) 1963 ab 12.160 DM zu haben war, und der schon recht gediegene 220 SEb bei fast gleicher äußerer Erscheinung und identischem Platzangebot „nur“ 15.450 DM (1962) kostete. Letzteres gilt sogar für die gleich mehrere Stufen niedriger angesiedelten Typen der Baureihe W 110, die für gut 10.000 DM angeboten wurden.
Sonderausstattungen
Eine spezifische Sonderausstattung für beide 300 SE-Limousinen war z. B. eine separate Fondraumheizung. Eine Zentralverriegelung, edle Velours- oder Feincordpolsterung sowie eine Trennwand mit elektrisch betätigter Scheibe waren indes nur für die Langversion lieferbar. Dazu gab es auf Wunsch noch viele weitere, übliche Extras wie mechanisches Stahlschiebedach, Becker-Radio, Klimaanlage, Koffersatz, Colorglas, Gurte, Nackenstützen („Schlummerrollen“) usw. Die damals neuen Metallic-Lackierungen waren, was die Heckflossen-Limousinen angeht, ebenfalls allein den beiden 300er-Versionen vorbehalten. Es gab wahlweise für beide Typen auch Zweifarblackierungen (d. h. Dach und Radkappen in anderem Farbton als der Rumpf), jedoch bei der Langversion war eine Zweifarblackierung laut Preislisten-Fußnote „nicht empfehlenswert“. Das hatte aber weniger mit der tatsächlichen Wirkung als vielmehr mit dem herstellerseitig gewollten Auftritt der Lang-Limousinen zu tun, um den die Marketingabteilung besorgt war: Die anderen Heckflossentypen konnten mit jeder beliebigen Zweifarbkombination bestellt werden, aber die Langversion sollte immerhin den „Adenauer“-300 d ersetzen und somit farblich möglichst gedeckt/seriös auftreten.